Leserbrief an epd medien

Zur Rede von Präses Nikolaus Schneider vom 3. August 2012.

In der durch epd medien in der Ausgabe vom 17. August dokumentierten Rede bei der Verabschiedung des 9. Jahrgangs der Evangelischen Journalistenschule hat Präses Nikolaus Schneider einige Gedanken zur evangelischen Medienethik vorgebracht, die allemal lesenswert sind. Wenn Präses Schneider die „Über-Tribunalisierung“ und die „Atmosphäre des Bloßstellens“ anprangert, so wird ihm kaum jemand, der sich mit ethischen Fragen im Journalismus beschäftigt, widersprechen.

Mindestens missverständlich ist jedoch der bei der Aufzählung seiner Zielstellungen unter Punkt 6 durch Präses Schneider vollzogene Perspektivwechsel weg von evangelischer Publizistik hin zum Informanten. „Das Zuspielen intimer oder der Vertraulichkeit unterliegender Informationen an Dritte in der Hoffnung, dass deren Veröffentlichung ein juristisch gefahrloses Draufsattlen oder ein längeres „Köcheln“ eines Themas ermöglicht, wird ethischen Anforderungen nicht gerecht […].“, schreibt Präses Schneider.

Jedem muss klar sein, dass investigativer Journalismus auf Whistleblower angewiesen ist. Von diesen Whistleblowern gibt es nicht zu viele, sondern zu wenige. Das Zuspielen von Informationen unter den Generalverdacht einer unethischen Handlung zu stellen – und Informanten damit zu diskreditieren – ist mindestens problematisch. Gäbe es keine Informanten, wären viele Skandale und wäre viel „unethisches Handeln“ niemals aufgedeckt worden. Gerade epd medien hat sich in der Vergangenheit – man darf annehmen auch mit Hilfe von Informanten – um den investigativen Journalismus verdient gemacht. Ebenso hat epd medien zu Recht alle Versuche angeprangert, bei denen versucht wurde, mit Ermittlungen gegen Journalisten Informanten zu enttarnen und potentielle weitere Informanten abzuschrecken.

Klar ist auch: Viele Informanten – vermutlich sogar die Mehrzahl – verfolgt mit der Weitergabe von Informationen eigene Ziele. Mitunter wird der objektive Beobachter sogar zu dem Schluss kommen, dass „niedere Beweggründe“ im Spiel sind. Der Journalist ist es, der diese eigenen Interessen des Informanten und das öffentliche Interesse an der Veröffentlichung der weitergegebenen Informationen gegeneinander abwägen muss. Hierbei ist ein ethischer Kompass nützlich und hilfreich. Jede journalistische Ethik tut deshalb gut daran, den Journalisten und sein Handeln sowie die Information, um die es geht, in den Fokus der Betrachtung zu stellen.

Bislang  hat die evangelische Publizistik – so mein Eindruck – nach dieser Maßgabe gehandelt. Ethisch problematisch wäre es jedenfalls, eine für die Gesellschaft und die Demokratie wichtige Information nicht zu veröffentlichen, weil das Handeln des Informanten als unethisch eingeschätzt wird. Was der eine als „Köcheln“ und „Draufsatteln“ empfindet, mag für die „Erzählung eines Skandals“, der sich aus vielen Einzelteilen zusammensetzt, wie es zum Beispiel bei „Vetternwirtschaft“ oft der Fall ist, durchaus relevant sein – gesellschaftlich und journalistisch.

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