Warum ich nicht zum Papst gehe

Es ist schon erstaunlich, mit welchen Angriffen ich mich angesichts der Debatte um die Rede des Papstes vor dem Deutschen Bundestag konfrontiert sehe. Auf die populistische Hetze in der Bild-Zeitung, die nicht teilnehmenden Abgeordneten würden das Bild des hässlichen Deutschen befördern, will ich an dieser Stelle nicht eingehen. Dazu hat gibt es auf meiner Website einige gute Gedanken. Aber andere Vorwürfe, die Nicht-Teilnahme sei „ungehörig“, „kleinkariert“, „engstirnig“ oder „blamabel“, lasse den gebotenen Respekt vermissen und sei „kein Qualitätsmerkmal für diese hehre Vertretung des Volkes“, sind schon mehr als ungeheuerlich.

Um eines klar zu stellen: Ich bin Mitglied der evangelischen Kirche und Tochter eines Pfarrers, der sich sehr stark für die Ökumene eingesetzt hat. Ich pflege den Austausch insbesondere mit den großen Religionsgemeinschaften in Deutschland und besuche ihre Veranstaltungen. Gerade vor schwierigen Entscheidungen wie der Frage von Krieg und Frieden und der damit verbundenen Entsendung von Soldaten oder bei ethischen Fragen bin ich dankbar für den Dialog mit den Religionsgemeinschaften. Dennoch halte ich die Einladung an den Papst, vor dem Deutschen Bundestag zu sprechen, für äußerst problematisch und habe dies auch von Anfang an zum Ausdruck gebracht.

Die Entscheidung über die Einladung an den Papst hat der Ältestenrat des Bundestages getroffen, indem Vertreter aller Fraktionen mitwirken. Bei dieser Abstimmung haben die Vertreter der Bundestagsfraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sich nicht für die Papstrede ausgesprochen, sondern deutlich gemacht, dass es in der grünen Bundestagsfraktion viele kritische Stimmen zu einer Rede des Papstes als Staatsoberhaupt im Bundestag gibt.

Der Bundestag ist aus guten Gründen sehr zurückhaltend bei der Einladung ausländischer Staatsoberhäupter, vor dem Plenum des Bundestages zu sprechen. Seit 1969 gab es erst 12 Gastredner im Bundestag (je drei mal aus Israel und den USA, zwei aus Frankreich und je ein Staatsoberhaupt aus Russland, der Ukraine, Tschechien und Süd-Afrika). Alle waren übrigens demokratisch gewählt.

Der Papst ist aber nicht nur Staatsoberhaupt, sondern in allererster Linie Repräsentant der Katholischen Kirche. Und diese Funktion war auch ausschlaggebend für die Einladung. Damit ist die Frage der Gleichbehandlung der Religionen und Weltanschauungen berührt, wenn ein Religionsführer exklusives Rederecht im Bundestagsplenum erhält. Deshalb stellt sich die Frage, ob der Deutsche Bundestag der angemessene Ort für eine Rede des Oberhauptes der Katholischen Kirche ist.

Der Deutsche Bundestag hat die religiöse Neutralität des Staates zu wahren. Angesichts dieser gebotenen Neutralität müssen wir dann nicht zwecks Gleichbehandlung die Vertreter der evangelischen Kirche, des Judentums, der orthodoxen Katholiken, der vielen freien Kirchen, des Islams, des Buddhismus und anderer Religionsgemeinschaften einladen? Und was ist mit den Nicht-Gläubigen?

Zudem sehe ich die Rolle des ehemaligen Kardinals Ratzinger als Vorsitzender der Glaubenskongregation und des jetzigen Papstes Benedikt XVI. im Hinblick auf fundamentalistische Gruppierungen innerhalb der katholischen Kirche wie die Piusbrüder oder die Legionären Christi äußerst kritisch. Die Befreiungstheologie in Lateinamerika hat Ratzinger nicht befördert, sondern bekämpft. Viele unbequeme Theologen wurden mit Disziplinarmaßnahmen gegängelt, statt sie in ihrem Kampf gegen staatliche Willkür in diktatorischen Staaten zu unterstützen. Dafür habe ich nach wie vor kein Verständnis. Auch beim Eingeständnis von Missbrauchsfällen, bei ihrer Aufarbeitung und der Entschädigung der Opfer ist der Papst nicht gerade vorangeschritten. Dies hätte aber ein wichtiges Signal gegenüber den Missbrauchsopfern auf der einen Seite und den Tätern auf Seiten der katholischen Kirche sein können. In Fragen der Rolle der Frau oder der Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Lebensweisen sehe ich immer noch keine Fortschritte.

Als Mitglied des Deutschen Bundestages respektiere ich die mit Mehrheit getroffene Entscheidung, den Papst in den Bundestag einzuladen. Ich respektiere auch, dass die meisten Mitglieder des Parlamentes an der Veranstaltung teilnehmen. Ich erwarte aber genauso Respekt von denen, die eine andere Auffassung vertreten, gegenüber meiner Entscheidung, nicht teilzunehmen. Als Abgeordnete bin ich meinem Gewissen verpflichtet und bin unabhängig auch bei der Entscheidung, welchem Gast ich im Deutschen Bundestag meine Aufwartung mache und wem nicht.

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