Forschung wichtiger als der Mensch: Gruppennützige Forschung an Demenzkranken ist ein Tabubruch

Zur heutigen Abstimmung der gruppennützigen Forschung an nichteinwilligungsfähigen Erwachsenen erklärt die rheinland-pfälzische Bundestagsabgeordnete Tabea Rößner (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

„Man sollte keine bewährten Gesetze ändern, wenn es dafür keine triftigen Gründe gibt. Schon gar nicht, wenn durch eine Neuregelung Rechtsunsicherheit entsteht. Diese parlamentarische Grundregel hat die Mehrheit des Bundestages heute leider verletzt und trifft damit eine besonders schutzbedürftige Gruppe unserer Gesellschaft, nämlich Erwachsene, die durch eine Erkrankung ihre Zustimmungsfähigkeit zu Arzneimittelstudien verloren haben.

Mit dieser Entscheidung werden Menschen, die nicht mehr die Tragweite ihrer Entscheidungen erfassen, zukünftig zu reinen Objekten der Forschung degradiert. Anstatt die Argumente aus Forschung und Wissenschaft sowie den Kirchen, die sich gegen eine solche Änderung laut geäußert wurden, zu verinnerlichen, stimmte die Mehrzahl der Abgeordneten für eine Auflockerung der Schutzstandards. Davon betroffen werden vor allem Menschen mit neurodegenerativen, z.B. dementiellen Erkrankungen sein.

Weltweit ist bisher keine einzige Studie auffindbar, für die Forschung mit Patient*innen z.B. mit schwerer Demenz unabdingbar ist. Gute und erfolgsversprechende Forschung setzt in frühen Stadien der Demenz ein, in denen die Menschen noch einwilligungsfähig sind. Für die Forschung in fortgeschrittenen Krankheitsstadien genügt ebenfalls die heute geltende Rechtslage. Um die Situation von Demenzkranken wirklich zu verbessern, müssen wir unser Engagement vor allem im Bereich nicht-pharmakologischer Maßnahmen ausbauen – bei der Verbesserung der Pflege und im Bereich der Prävention und Früherkennung von Demenz. Da bleibt die Bundesregierung aber tatenlos.

Heute geht das Signal von Berlin aus: Die Forschung ist wichtiger als der Mensch. Mit der heutigen Abstimmung wurde nicht nur der Schutz für besonders verletzliche PatientInnen aufgeweicht, mit dieser weitreichenden Öffnung sind auch unabsehbare Folgen zum Nachteil der PatientInnen verbunden.“

 

 

Teile diesen Inhalt:

Artikel kommentieren