"PR" via flickr.com/Niuton may, Lizensiert unter CC BY 2.0

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Filmförderung lässt Projekte von Regisseurinnen öfter durchs Raster fallen

Zur erstmaligen Auskunft der Bundesregierung zu den Geschlechterverhältnissen bei Regisseur*innen in der selektiven Produktionsförderung der Filmförderungsanstalt von 2004 bis 2013, erklärt Tabea Rößner, Sprecherin für Kreativwirtschaft der Bundestagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN:

Die Zahlen für die selektive Produktionsförderung der Filmförderungsanstalt (FFA) offenbaren, dass es Regisseurinnen schwerer gemacht wird: An jeder Stelle des Ausleseprozesses fallen mehr Frauen als Männer durchs Raster. Über den Zeitraum von zehn Jahren wurden Anträge für Produktionen mit Regisseurinnen lediglich zu 33% bewilligt, Anträge für Produktionen mit männlichen Regisseuren demgegenüber zu 40%  – deren Anträge ohnehin bereits in der Überzahl sind. Damit setzt die FFA den Teufelskreis fort, dass sich Regisseurinnen in ihrem Beruf weniger häufig beweisen können und dadurch nachhaltig benachteiligt sind. Dies gilt es zu durchbrechen.

Ein weiterer Aspekt: Produktionen mit weiblicher Regie beantragen weniger Fördermittel, von 2004 bis 2013 machten sie durchschnittlich nur etwa 16% der beantragten Budgets und 21% der beantragten Produktionen aus. Hier sind Produzent*innen sowie Fernsehredakteur*innen gefragt: Warum kommt es zu so wenigen und niedrig budgetierten Anträgen? Warum reichen Produzent*innen so wenige Vorhaben unter Beteiligung von Regisseurinnen ein? Kommen die Finanzierungen durch fehlende Koproduktionen mit dem Fernsehen zu oft nicht zu Stande? Und auch die Filmförderung muss sich fragen lassen, ob sie möglicherweise das Signal sendet, dass Projekte mit Regisseurinnen weniger Chancen haben.

Bundesregierung und Filmförderungsanstalt blieben bislang untätig, haben weder standardmäßig Daten erfasst noch veröffentlicht. Das muss sich ändern: Wir brauchen mehr Erkenntnisse darüber, warum der Graben zwischen Männern und Frauen in vielen Filmberufen so groß ist. Insbesondere das enorme Missverhältnis bei der Regie sollte uns aufhorchen lassen. Staatsministerin Grütters muss konkreter prüfen lassen, welche Gründe es für diese Ungleichheit gibt. Denn klar ist: Die jetzige Situation hinkt für Frauen gewaltig.

Und es darf nicht nur bei Lippenbekenntnissen bleiben, wenn der Teufelskreis für Frauen durchbrochen werden soll: Die BKM ist nicht nur für die FFA und die Novellierung des Filmförderungsgesetzes zuständig, sondern auch für den DFFF und die kulturelle Filmförderung im eigenen Haus. Da gäbe es einige Handlungsoptionen. So sollten etwa bei den selektiven Förderungen verschiedene Modelle erprobt und beispielsweise in der Drehbuchförderung eine anonyme Lektüre der Einreichungen erwogen werden. Bei Orchestern hat sich das Vorspielen hinter einem Vorhang bewährt und für deutlich weniger Diskriminierung gesorgt, vielleicht muss auch für die Filmförderung öfter mal der Vorhang zugezogen werden, damit er sich im Kino öfter auch für von Frauen inszenierte Filme hebt.


 

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  1. Thomas Müller

    Sehr geehrte Frau Rößner,
    seit langen Jahren arbeite ich als Anwalt im Filmgeschäft und seit langen Jahren wähle ich grün. Ihre Ausführungen zum FFG und der Benachteiligung von Regisseurinnen halte ich eher für tendenziösen Stimmenfang bei weiblichen Wählern als einen sachgerechten Beitrag zur Reform des FFG. Ohne die Diskussion vertiefen zu wollen und können, möchte ich darauf aufmerksam machen, daß es sich beim Film um ein kollektiv, von vielen männlichen und weiblichen Filmschaffenden erarbeitetes Kunstwerk handelt – von den männlichen und weiblichen Produzenten, Redakteuren, Fördergremien-Mitgliedern, Autoren etc. drumherum ganz zu schweigen. Wollen Sie bei all diesen eine Gleichstellung erreichen, z.B. auch bei den Schauspielern ein 50:50?
    Von den Repräsentanten der von mir bislang gewählten Partei erwarte ich Sachkompetenz. Befassen Sie sich also bitte mit den eigentlichen Themen der Filmförderung und lenken Sie von diesen nicht mit populistischen Positionen ab.
    Mit freundlichen Grüßen
    Thomas G. Müller

    • Büro Tabea Rößner

      Sehr geehrter Herr Müller,
      vielen Dank für Ihren Kommentar. In der Meldung geht es um die aktuelle Lage und zwei Forderungen: die Ursachen für die unterschiedlichen Einreichungen aber auch die Vergabepraxis (und hier insbesondere die unterschiedliche Förderquote) genauer auf Geschlechtergerechtigkeit zu prüfen und Modelle zu überlegen und auszuprobieren, die eine Vermeidung von Diskriminierung ermöglichen. Damit ist nicht gemeint, dass in jedem Arbeitsbereich gleich viele Frauen und Männer beschäftigt sein müssen, sondern dass Diskriminierung verhindert werden soll. Das heißt: Gleich qualifizierte sollten gleiche Chancen haben. Dass regelmäßig über den Zeitraum von zehn Jahren die eingereichten Projekte unter Beteiligung von Regisseurinnen den Erwartungen der FFA-Vergabegremienen weniger entsprochen haben, und das auf so deutliche Weise, sollte unter diesem Gesichtspunkt zu denken geben. Sind die Erwartungen der Vergabegremien die richtigen? Hatten die eingereichten Projekte aus anderen Gründen weniger Chancen als die mit Regisseuren? Diese Fragen sollten gestellt werden, selbst wenn es keine endgültigen Antworten geben kann, weil Film wie jede Kunst auch einen starken subjektiven Faktor hat. Die arbeitsrechtlichen Fragen sind aber deshalb nicht zu ignorieren.

  2. Hagen Myller

    Sehr geehrte Frau Rößner,

    die korrekten Zahlen sind 32,8% (abgerundet) Regisseurinnen und 39,5% Regisseure (aufgerundet), deren Projekte gefördert werden, nicht 33/40. Sie runden auf 40 auf, so wie jede Supermarktkette ihre Preise abrundet: Damit es ein besseres Bild gibt. Das ist Propaganda.

    Die Differenz ist also gar nicht so groß. Es geht also nicht darum, eine neue Quote einzurichten, sondern darum, dass mehr Regisseurinnen mehr und höher budgetierte Projekte bei der FFA einreichen. Aber daran hindert sie niemand.

    Mit freundlichen Grüßen
    Hagen Myller

    • Büro Tabea Rößner

      Sehr geehrter Herr Myller,
      in der Meldung steht bereits die Frage, wie mehr und höher budgetierte Projekte unter Beteiligung von Regisseurinnen eingereicht werden können. Dass solche Einreichungen, damit sie Chancen auf Förderung haben, abhängig sind von weiteren Faktoren wie von Mitteln aus Koproduktionen – oft mit dem Fernsehen -, Verleihverträgen und Minimumgarantienn, heißt schon auch, dass manchmal der eine oder die andere durchaus hindern kann an der (auch nur halbwegs aussichtsreichen, und deswegen den Aufwand lohnenden) Einreichung.
      Die genauen Zahlen mit zwei Nachkommastellen für die Förderquoten sind: Mittelwert der 10 Jahre: 32,98% bei weiblicher Regie, 40,01% bei männlicher Regie. Gesamtquote der 10 Jahre: 32,84% bei weiblicher Regie, 39,46% bei männlicher Regie. Danke für den Hinweis!

      • Hagen Myller

        Sehr geehrte Frau Rößner,
        vergangenes Jahr hatten Sie sich darüber echauffiert, dass die FFA Regisseurinnen weit weniger förderte, als Regisseure. Das Verhältnis über 10 Jahre hinweg betrachtet war nach Ihrer Rechnung ca. 33 zu 40 Prozent. Von den durch Frauen eingereichten Projekten wurden also 33 Prozent, von den durch Männern 40 Prozent gefördert. Die Differenz lässt sich mathematisch leicht erklären, da die durch Frauen eingereichten Projekte nur 20 Prozent, die von Männern allerdings 80 Prozent aller eingereichten Projekte ausmachten. Männer hatten also vier Mal mehr Projekte eingereicht. Wenn wir einmal annehmen, dass nicht geschlechtsdiskriminierend entschieden wurde (was Sie allerdings unterstellt hatten), erklärt sich die Differenz 33/40 aus dem Umstand, dass die Wahrscheinlichkeit bei 4-fach höherer Einreichung ein Projekt gefördert zu bekommen auch entsprechend höher ist. Nun veröffentlicht die FFA heute eine Pressemitteilung, in der sie sich freut mitteilen zu können, dass von den 12 geförderten Projekten genau sechs von Männern und sechs von Frauen gefördert wurden. Es wurde also paritätisch nach Geschlecht entschieden. Da nicht anzunehmen ist, dass sich an dem Verhältnis von Frauen- und Männerprojekten innerhalb eines Jahres etwas wesentlich geändert hätte, bedeutet dies, dass die Wahrscheinlichkeit, dass in der vergangenen Sitzung ein Projekt einer Frau gefördert wurde, vier Mal höher war, als die bei einem Mann. Ich denke, das ist nun allerdings eindeutig geschlechtsdiskriminierend.

        • Buero_Berlin

          Sehr geehrter Herr Myller,
          es muss das Ziel einer vielfältigen Filmlandschaft sein, verschiedenste Perspektiven in Filmen und über Filme festzuhalten. Deshalb setzen wir uns nach wie vor für die gezielte Förderung von Frauen hinter der Kamera (Regisseurinnen, Produzentinnen, Drehbuchautorinnen usw.) ein. Politisch hat sich mit der Meldung der FFA, auf die Sie sich beziehen, der Einsatz nicht erledigt oder eine Notwendigkeit, gegenzusteuern, aufgetan. Im Gegenteil: Es bleibt klug, über Förderentscheidungen gezielt Frauen zu (filmischer) Sichtbarkeit zu verhelfen – denn dadurch entsteht natürlich auch ein anderes Bild über eine Zukunft in einer noch immer hochgradig männerdominierten Branche. Solange die Einreichungen nicht den deutlich paritätischeren Geschlechterverhältnissen in den Abschlussklassen der Filmhochschulen entsprechen, bleibt viel zu tun.

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