Rede zu Medienkompetenz

Es gilt das gesprochene Wort:

Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren!
„Der beste Jugendmedienschutz ist eine gut ausgebildete Medienkompetenz.“ – Ich hätte nie gedacht, dass ich der Großen Koalition im Neuland Internet einmal ein + 1 geben würde. Bei Ihrer bisherigen Tatenlosigkeit im Bereich Medienkompetenz ist es aber nicht verwunderlich, dass Sie sich auf grüne Positionen beziehen, um endlich vorwärts zu kommen. Allerdings endet meine Zustimmung damit auch.

Mich stört an Ihrem Antrag etwas ganz Grundsätzliches: Ich werde den Eindruck nicht los, dass Sie die Medienkompetenz bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland vor allem fördern wollen, um dem Fachkräftemangel zu begegnen – und nicht, um sie zu mündigen Menschen in einer digitalen Gesellschaft zu machen.

Medienkompetent und mündig bedeutet aber auch kritisch: Kritisch gegenüber der Medienberichterstattung in Sendungen wie „Günter Jauch“. Kritisch gegenüber Fakes und Nicht-Fakes im Internet. Und kritisch gegenüber einer andauernden, grundrechtswidrigen Totalüberwachung unserer Kommunikation – das sollte bei einer Debatte über Medienkompetenz nicht unerwähnt bleiben!
Natürlich ist der Fachkräftemangel ein Problem. Er darf aber nicht alleiniger Antrieb für Veränderung sein. Sie müssen die Menschen in den Mittelpunkt stellen! Die Forderung nach einem Pflichtfach „Programmieren“, wie von Bundeswirtschaftsminister Gabriel geäußert, muss man wohl auch in diesem – ökonomischen – Zusammenhang betrachten.

Lassen Sie uns das Szenario einmal durchspielen: Eine Achtjährige soll nächsten Montag in ihre Grundschule gehen und dort von wem was genau lernen? Viele Lehrkräfte sind doch heute noch gar nicht in der Lage, selbst medienkompetent zu handeln oder Medienkompetenz zu vermitteln – geschweige denn die vorhandene Kompetenz ihrer Schülerinnen und Schüler in den Unterricht zu integrieren! Das war und ist größtenteils nicht Teil ihrer Ausbildung. Engagierte Lehrer, die sich selbst weiterbilden, nehme ich hier ausdrücklich aus. Mit anderen Worten: Wir, Herr Gabriel, müssen uns – egal ob bei fächerübergreifender Medienkompetenz oder beim Schulfach Informatik – zu allererst über die Lehrerausbildung unterhalten! Das aber – ist Ländersache.

Kommen wir deshalb zurück zum Kompetenzbereich des Bundes: Das hat den Vorteil, dass Sie die Maßnahmen auch umsetzen können. Eine stärkere Förderung der Medienbildung im außerschulischen Bereich wäre da ein Leichtes für die Bundesregierung. Vielleicht erinnern Sie sich: Die Schule war vermutlich nicht der einzige Ort, an dem Sie in Ihrer Jugend etwas gelernt haben. Gerade außerschulische Lernorte sind für die Identität und die Bildung von jungen Menschen wichtiger denn je. In diesem Sinne würde ich mir wünschen, dass die Bundesregierung zuerst ihre eigenen Hausaufgaben macht.

Und was ist mit der Medienbildung von Erwerbstätigen und Senioren? Sie wollen – Zitat – „die digitale Spaltung der Gesellschaft verhindern“. Allerdings findet sich zum lebenslangen Lernen nicht eine einzige Maßnahme in Ihrem Antrag. Das finde ich fatal, denn die digitale Spaltung verläuft eindeutig zwischen den Generationen. Es ist die Aufgabe der Bundesregierung, den BürgerInnen, den Erwerbstätigen, den SeniorInnen, den Menschen Angebote zu machen, um in der digitalen Welt zurechtzukommen!

Zuletzt erlauben Sie mir noch eine Randbemerkung: Die Forderung, Kitas, allgemeinbildende Schulen und Berufsschulen an das Breitbandnetz anzuschließen, ist ja schön – aber angesichts der Tatsachen doch eher eine Luftnummer. Wenn ich an den bisherigen Stand des Breitbandausbaus denke, dann komme ich nicht umhin, mich zu fragen, wie die Bundesregierung diese wohlfeile Forderung umsetzen möchte. – Uns wundert diese Forderung auch deshalb, weil Sie doch gerade in Ihrer Antwort auf unsere Kleine Anfrage sagen, das Programm „Schulen ans Netz“ sei erfolgreich abgeschlossen.

 

Das Plenarprotokoll der gesamten Sitzung mit allen Reden zu Medienkompetenz befindet sich hier.

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