Wasser auf die Mühlen – Über Medienverdrossenheit in Deutschland

Deutschland diskutiert über seine Medien. Als Medienpolitikerin könnte mich das glücklich stimmen, wäre der Anlass nicht so besorgniserregend. Menschen gehen wieder auf die Straße und brüllen „Lügenpresse“. Journalisten werden öffentlich angeprangert und bedroht. Farbbeutel fliegen gegen ihre Häuser. Redaktionen werden beschmiert, fingierte Todesanzeigen veröffentlicht, um sie einzuschüchtern. In Teilen der Gesellschaft gibt es Medienverdrossenheit, die in Hass übergeht. Hierzulande sind es vor allem Rechtsextreme und Verschwörungstheoretiker, die diese Stimmung politisch nutzen.

Eine repräsentative Studie von Infratest Dimap von Dezember 2014, die im Auftrag vom Medienmagazin ZAPP durchgeführt wurde, beschäftigt sich mit dem Vertrauen in die Medien. Das Ergebnis: Im Vergleich zu 2007 ist das Vertrauen in die Medien gesunken. 54 Prozent der Befragten gaben an, nur wenig Vertrauen in deutsche Medien zu haben. Dabei sahen die Befragten speziell die Ukraine-Berichterstattung skeptisch: 31 Prozent gaben an, die Medien berichteten zu einseitig in diesem Konflikt.

Die Berichterstattung um die Ukrainekrise hat die wachsende Medienverdrossenheit offensichtlich befördert. Die Medien, und damit meine ich nicht nur die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, müssen sich daher selbstkritisch die Frage stellen, weshalb gerade in diesem Konflikt der Vertrauensverlust so stark zunahm. Es ist an der Zeit für Reflexion, für eine offene Fehlerkultur. Ein wesentlicher Aspekt war wohl sicherlich der zeitliche Kontext, in dem die Demonstrationen auf dem Maidan begannen. Ende 2013 formierte sich der Protest dort. In Deutschland schaute alles zu diesem Zeitpunkt auf die Regierungsbildung hierzulande. Sehr spät beschäftigten sich die Medien mit dem Konflikt, der bereits vor den Protesten auf dem Maidan schwelte. Der Nachholbedarf war groß, gleichzeitig überschlugen sich die Ereignisse.

Eine elementare Aufgabe der Medien, nämlich die Dinge erklärbar zu machen, war zu diesem Zeitpunkt nur noch bedingt möglich. Medienwissenschaftler vertreten die Auffassung, dass eine Sympathie für die Maidan-Proteste in der Berichterstattung erkennbar war, obwohl wenig Zeit blieb sich mit der Bewegung intensiv auseinanderzusetzen. Daraus entwickelte sich eine Kausalkette, die, gepaart mit Fehlern bei der Berichterstattung, für einen Vertrauensverlust sorgten und Zweifel an der ausgewogenen Berichterstattung beförderten.

Letztlich ist die Diskussion über die Berichterstattung zur Ukrainekrise ein Plädoyer für frühzeitigere Berichterstattung, intensive Recherche, ausführlichere Beiträge und schließlich auch für mehr Redakteure und Korrespondenten vor Ort. Kurzum: für mehr journalistische Qualität. Die Welt wird komplexer, die Informationen, die wir über sie erhalten, nehmen zu. In diesem Dschungel an Meldungen sehnen sich Menschen verstärkt nach Erklärungen. Können diese nicht geliefert werden, entsteht ein Vakuum, das Manche dazu verführt, den vermeintlich einfachen Antworten, den unseriösen Blogs und Verschwörungstheorien Glauben zu schenken. Wir müssen der Erklärung mehr Zeit einräumen. Das bedeutet, mehr zu investieren: Gute journalistische Arbeit kann nur mit genügend Zeit, ausreichender Personal– und Sachausstattung und angemessener Vergütung stattfinden.
Medienverdrossenheit entsteht aber auch im falschen Umgang mit Kritik. Immerhin haben die öffentlich-rechtlichen Sender Fehler eingeräumt und korrigiert. Dem Vorwurf der einseitigen Berichterstattung entgegneten jedoch Verantwortliche wie der tagesschau-Chef Kai Gniffke auch mit großer Empörung. Genau das ist aber der falsche Weg. Es dürfen keine Fronten zwischen den Medienmachern und ihren Rezipienten aufgemacht werden. Redaktionen müssen sehr genau zwischen berechtigter Kritik und politisch motivierter, diffamierender Medienhetze unterscheiden. Nicht jeder Kritiker ist ein russisch-gelenkter Troll. Gerade von öffentlich-rechtlichen Sendern erwarten die Beitragszahlerinnen und -zahler neutrale Information und Qualität. Kritik darf nicht reflexartig als Angriff auf das eigene Tun verstanden werden, das gehört auch zu einer offenen Fehlerkultur.

Natürlich ist die Diskussion um Medienverdrossenheit zunächst eine, die die Medien selbst betrifft. Die Politik ist dabei aber keinesfalls auszuklammern. Eine Umfrage vom Göttinger Institut für Demokratieforschung unter PEGIDA-Demonstranten in Dresden ergab, dass diese u.a. den öffentlich-rechtlichen Medien am wenigsten vertrauen. Medienverdrossenheit liefert also auch den Nährboden für Ressentiments rechts außen. Der Kampf gegen die Mühlen der Rechten gehört zur Aufgabe des Staates, der nun auch eine medienpolitische Dimension erhält.

Vertrauen und Glaubwürdigkeit in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk kann zudem nur dann aufgebaut werden, wenn gewährleistet ist, dass er unabhängig arbeiten kann. Gerade deshalb ist die Gestaltung eines staatsfernen Rundfunkstaatsvertrages für das ZDF fundamental. Nur so kann man glaubhaft den Vorwurf entwerten, die Politik versuche, ihren Einfluss auf die Berichterstattung zu sichern – und die Medien seien infolge des Einflusses in ihrer Berichterstattung, etwa im Ukraine-Konflikt, politisch eingefärbt. Dieser Kontext darf nicht außer Acht gelassen werden.

Wir müssen den Menschen zeigen, dass wir unsere demokratischen Werte nicht nur als Alibi vor uns hertragen, sondern tatsächlich zur Maxime unseres Handelns machen und auf allen Ebenen konsequent für sie einstehen. Geschieht das nicht, befördern wir Medienverdrossenheit und geben weiter Wasser auf die Mühlen derjenigen, die unser Wertesystem bekämpfen.

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