Quo vadis Deutsche Welle? – Vielsprachigkeit als Alleinstellungsmerkmal erhalten

In der Deutschen Welle rumort es gewaltig. Viele Beschäftigte sind verunsichert, sie fürchten um ihren Arbeitsplatz und gehen auf die Straße. Grund dafür ist die geplante Neuausrichtung des Auslandssenders. Intendant Peter Limbourg, seit Oktober 2013 im Amt, will die Deutsche Welle unter die Top 3 der Auslandssender führen und so internationalen Granden wie der BBC Konkurrenz machen sowie „Putins Propaganda endlich Paroli bieten“. Konkret bedeutet das: Nach dem Willen von Limbourg, einem ehemaligen Privatfernsehmann, soll der staatsfinanzierte Auslandssender in einen Breaking News-fähigen, englischsprachigen Nachrichtenkanal umgebaut werden.

Es ist nicht nur so, dass man als Medienmensch im Jahr 2014 andere Visionen eines global agierenden Auslandssenders als die eines linearen Fernsehkanals entwickeln könnte. Vor allem beinhaltet diese Vision der Deutschen Welle ganz viele Angebote nicht. Das haben in den vergangenen Wochen bereits über 200 MitarbeiterInnen der Deutschen Welle zu spüren bekommen: Sie haben Einschränkungs- oder Beendigungsmitteilungen auf ihren Schreibtischen gefunden.

Die Umstrukturierung war also bereits in vollem Gang, als Limbourg vor ein paar Wochen die Debatte auch für Nicht-Kenner verschärfte und einen wenig versteckten Drohung an die Politik adressierte:  Sollte der Bundestag der Deutschen Welle nicht deutlich mehr Geld zur Verfügung stellen, dann würden von den insgesamt vier Fernsehprogrammen alle bis auf den bereits beworbenen englischen Kanal gestrichen, zehn von dreißig Sprachredaktionen eingestampft. Darüber hinaus soll das Radioprogramm gekürzt werden, über das die Deutsche Welle monatlich Millionen von Menschen weltweit in ihrer Muttersprache erreicht.

Was ich von dieser Geiselhaft halte, habe ich an anderer Stelle bereits kommentiert. Auch Dieter Weirich, ehemaliger Intendant der Deutschen Welle, hat die Strategie des Intendanten Limbourg durchschaut: „Erpressungsversuche gegenüber dem Haushaltsausschuss, politisch naiver geht‘s nicht“.

Für Limbourg wird es derweil ein Leichtes sein, zehn Sprachen zu finden, in denen Angebote bereits deutlich zurückgefahren worden sind und die dann komplett den Stecker gezogen bekommen. Für Bengalisch, Portugiesisch für Afrika – was bereits eingestellt werden sollte – und zehn andere Sprachen gibt es schon jetzt nur noch ein Kommentar- bzw. Blogformat. Über derart gestutzte Redaktionen zu sagen, dass sie keine Reichweite (mehr) erzielten, ist schäbig. Ich frage mich aber ganz grundsätzlich, wie die Deutsche Welle an Reichweite gewinnen soll, wenn sie in Konkurrenz mit etablierten globalen Sendern geht, gleichzeitig aber durch die Streichung von Angeboten in Regionalsprachen Reichweite verlieren würde. Auf diese Frage ist der Intendant mir bis heute eine Antwort schuldig geblieben.

Gemeinsam mit meiner Fraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN habe ich deshalb einen Antrag in den Bundestag eingebracht, der die vorhandenen Kernkompetenzen der Deutsche Welle stärken soll und die Vision eines wahrhaft zukunftsfähigen Senders entwirft. Die Vielsprachigkeit der Deutschen Welle ist ein Alleinstellungsmerkmal auf dem internationalen Medienmarkt. Es ist von unschätzbarem Vorteil, Menschen in ihrer Muttersprache ansprechen zu können. Eine Stimme in unfreien Medienmärkten zu sein und Demokratie weltweit zu fördern, das fängt ganz unten an und muss mit Bildungsangeboten einhergehen. Auch die so genannten „globalen Entscheider“, die laut Aufgabenplanung erreicht werden sollen, werden im Zweifelsfall eher Angebote in ihren jeweiligen Sprachen annehmen, sofern damit VertreterInnen der Zivilgesellschaft und nicht nur politische Eliten gemeint sind.

Unser Antrag steht heute im Rahmen der Beratung der Aufgabenplanung im Kultur- und Medienausschuss auf der Tagesordnung. Am Donnerstag wird – leider nicht wie ursprünglich geplant zur Kerndebattenzeit mit einer 90minütigen Debatte – von 18.05 bis 18.50 Uhr die Ausrichtung der Deutschen Welle im Plenum debattiert.

Und was sagt die BBC, der konkurrierende Stern an Limbourgs Horizont, zu alldem? Zumindest zu linearem Fernsehen haben Richard Sambrook, der frühere Direktor von BBC Global News, und der ehemals für Strategie zuständige Sean McGuire eine eindeutige Haltung: „Der Erste zu sein – das wichtigste Kriterium für einen 24-Stunden-Nachrichtenkanal – wird zunehmend zum uninteressantesten und am schwersten zu realisierenden Wert, den sie anbieten können.“ Das sollte sich die Leitung der Deutschen Welle dringendst zu Herzen nehmen.

 

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