Eine einmalige Chance

Weit über eintausend Werke aus unterschiedlichen Epochen, mit einem Schwerpunkt auf dem frühen zwanzigsten Jahrhundert, sind für sich genommen zunächst einmal ein kultureller und finanzieller Schatz. Die historischen Entstehungsumstände sind eine menschliche und moralische Katastrophe.

Die Aufgabe, zweifelsfrei herauszubekommen, wessen rechtmäßiges Eigentum jedes einzelne Stück ist, ist schier unlösbar, insbesondere wenn man die undurchsichtigen Abhängigkeits- Zwangs- und Besitzverhältnisse aus der Zeit unmittelbar vor, während und kurz nach der Naziherrschaft berücksichtigt. Das reicht von der oft sehr schwer zu beantwortenden Frage, ob Werke aus freien Stücken und zu fairen Preisen den Besitzer wechselten, bis hin zu im Krieg oder auf der Flucht verschwundenen Eigentumsnachweisen, Erben, welche von ihrem Eigentum gar nichts wissen und Verjährungsfristen.

Die internationale Verstimmung, welche mit dem nichtöffentlichen, intransparenten und scheinbar zögerlichen und schwerfälligen Aufarbeitungsprozess einhergeht, ist Zeugnis eines wenig souveränen Umgangs mit Raubkunst, Provenienzforschung und Restitutionsfragen – das können wir besser.

Im Moment haben wir eine außergewöhnliche Situation. Die „Sammlung Gurlitt“ ist weltweit einzigartig, in einem guten Zustand und in der Obhut der Staatsanwaltschaft. Der vermeintliche Besitzer der Werke, der einundachtzigjährige Cornelius Gurlitt, hat öffentlich gesagt, dass ihm der Verbleib seiner Sammlung nach seinem Tod egal sei. Gleichzeitig liegt eine lange, mühsame, wissenschaftliche und juristische Aufarbeitungsphase vor uns, bis abschließend geklärt ist, wer der rechtmäßige Eigentümer eines jeden einzelnen Werkes ist. Überlagert von einer globalen Metadebatte um Schuld, Verantwortung und Moral.

Lässt sich diese Debatte nicht ganz gezielt in der Öffentlichkeit führen? Die jetzige Generation trägt keine Schuld für die Verbrechen der Nazizeit, aber eine moralische Verantwortung kann/muss sie übernehmen. Sich diesen Fragen ganz bewusst zu stellen und den Fund dieser großartigen Sammlung zum Anlass zu nehmen und sich grundsätzlich, gründlich mit den Fragen um Restitution zu beschäftigen, mit größtmöglicher Transparenz und Kompetenz ist eine historisch einmalige Gelegenheit.

Damit der Zugang zu diesem immensen Kulturellen Erbe in dieser Zeit nicht unmöglich ist, lohnt es sich darüber nachzudenken, eine Dauerausstellung aller Exponate zu gestalten. Exemplarisch an einer zentralen Stelle, etwa in Berlin (München). Extrem gut dokumentiert kann sich dann jeder ein Bild von den Werken machen, Forschung und Bildung würden partizipieren. Das Schlimmste, was der Sammlung passieren kann ist, dass sie für die Dauer von jahrzehntelangen Prozessen in Tresoren verschwindet.

Lasst uns das Beste aus der Situation machen und einen milliardenschweren Kunstschatz der Weltöffentlichkeit zugänglich machen. Etwas Schreckliches in etwas Lehrreiches verwandeln.

Natürlich darf kein Bild seinen rechtmäßigen Eigentümern vorenthalten werden – aber so ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass ein Großteil der Sammlung nicht nur als „schönes Bild“ sondern auch als Mahnung für die gesamte Menschheit wahrgenommen wird. Den Eigentümern sollte dabei angeboten werden, ihren Besitz in dieser zentralen Sammlung als Dauerleihgabe zu belassen, geschützt und gepflegt durch den Staat/Stiftung. Selbstverständlich mit dem Recht jederzeit darauf zugreifen zu dürfen.

Wenn dann eine wirklich umfassende, wissenschaftliche Dokumentation eines jeden einzelnen Werkes gelingt, gäbe es eine weltweit einmalige Sammlung, die einen historisch herausragenden Abschnitt der Geschichte in seiner ganzen Brutalität und Unmenschlichkeit an Hand von Kulturgütern dokumentiert und für folgende Generationen ganz konkret nachvollziehbar macht. Ein Ort, an dem die Zusammenhänge zwischen Kultur und Politik aufgezeigt und die Folgen von Faschismus und Gier, aber auch der Liebe zur Kunst, nachvollziehbar gemacht werden. Eine moralische Schatzkammer.

Grundgedanken:

  1. die „Sammlung“ so schnell wie nur möglich öffentlich zugänglich zu machen
  2. alle rechtmäßigen Eigentümer ausfindig zu machen und ihnen ihre Werke zukommen zu lassen, bzw. sie einvernehmlich zu entschädigen, sie einzubinden
  3. den ganzen Prozess öffentlich, transparent und nachvollziehbar umzusetzen

Zu 1.    Im Moment befinden sich die Bilder unsichtbar im Gewahrsam der Staatsanwaltschaft. Davon hat niemand etwas. Gurlitt kann nicht mit seinen Bildern leben, mögliche Eigentümer können nur auf Teile der Sammlung im Internet zugreifen und auch da nur auf Fotografien. Die Öffentlichkeit, Wissenschaft und Presse hat kaum einen Zugriff. Vorschlag wäre daher, mit Gurlitt eine Einigung zu erzielen, dass seine Sammlung komplett öffentlich zugänglich gemacht wird. Eventuell unter Gewährung einer Leibrente o.ä.

Zu 2.    So würde viel Misstrauen seitens Opferverbänden (etwa der Jewish Claims Conference) abgebaut und ein Weg gefunden werden, wie allen Wissenschaftler, Journalisten und Provenienzforschern Zugang gewährt werden kann. Da es offensichtlich sehr schwer ist, alle Bilder eindeutig einer EigentümerIn zuzuordnen, ist es aus kultureller und politischer Sicht unverantwortlich, die Sammlung so lange wegzuschließen, bis alle Eigentumsverhältnisse geklärt sind. Das kann sich bei einzelnen Objekten über Jahrzehnte ziehen. Kostbare Zeit die nicht vergeudet werden darf, gerade für direkt Betroffene.

Zu 3.    Restitution, Provenienzforschung, Raubkunst sind ein aktuelle Themen, welche an diesem Fallbeispiel aktiv, offensiv und transparent abgearbeitet werden können. Dadurch könnte diesem belastendem Thema etwas positives, ein „Musterbeispiel“ abgewonnen werden.

Die nur bedingt zufällige Sammlung ist zeitgeschichtlich klar definiert. Sie enthält Werke, welche in einem relativ kurzen Zeitfenster und unter ganz bestimmten, extremen, politischen Rahmenbedingungen zusammenkamen. Diese meist kausalen Zusammenhänge aufzuzeigen, birgt eine große Chance und sehr viel Potential. Wissenschaftlich und im Hinblick auf politische und kulturelle Bildung. Am naheliegendsten sicher bei den Werken die aus dem Kontext der „entarteten Kunst“ und deren Urheberinnen und Urhebern stammen. Das Verhältnis der (freien) Kunst zur (faschistischen) Diktatur, ihre politische Bedeutung, ihre auf sie perverserweise zurückfallende scheinbare Macht, ihre reale Ohnmacht,… das sind Zusammenhänge, die anhand dieser Sammlung exemplarisch aufgezeigt werden können. Quasi eine politische Kuratierung.

Dabei liegt die größte Chance in einer erschöpfenden, tiefen und breiten Aufarbeitung. Eine Kommission kann gar nicht so viele Mittel, Experten und Zeit aufbringen, wie die Schwarmintelligenz einer durch so eine Ausstellung animierten Anzahl von StudentInnen, WissenschaftlerInnen und ExpertInnen. Den jeweiligen Stand der Forschung, z.B. auf einem Tablet neben jedem Exponat in Echtzeit zu dokumentieren, wäre ein an Offenheit nicht zu überbietender Prozess.

Der Ort, sei es Berlin/München/Nürnberg… böte die Gelegenheit, zum internationalen Zentrum der Provenienzforschung zu werden. Ohne einen theoretischen Überbau, sondern anhand realer Kulturgüter.
Ein Angebot an die rechtmäßigen Eigentümer könnte lauten, Ihre Werke in der Ausstellung zu belassen, zentral zu pflegen und schützen, als jederzeit wiederrufbare Dauerleihgabe. Sollten Werke die Ausstellung verlassen, könnte man sich mit als solche zu erkennenden Kopien behelfen.

Es böte sich die Überlegung an, inhaltliche, künstlerische Cluster zu bilden, etwa die „Entartete Kunst“ zu bündeln und Verweise zu klassisch kuratierten Sammlungen, etwa in anderen Museen, anzubieten.

Ergänzt durch Forschungseinrichtungen, digitale und analoge Bibliotheken sowie Diskurs-, Lern- und Lehrorte, könnte ein lebendiges Forschungszentrum entstehen. Kristallisationspunkt. Leuchtturmprojekt der Provenienzforschung.

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