Gut leben im Wandel

Am 25. Februar 2013 lud die Bundestagsfraktion zum Demografiekongress „Gut leben im Wandel“ in den Deutschen Bundestag ein. 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Wissenschaft, Politik, aus Verbänden und aus der Praxis folgten der Einladung und diskutierten die Herausforderungen und Chancen des demografischen Wandels.

In den Mittelpunkt des Kongress standen die Fragen nach dem „guten Leben“, nach dem Erhalt von Lebensqualität und Teilhabe in einer vom demografischen Wandel geprägten Gesellschaft. Nachdem die Bundestagsfraktion im Herbst 2012 einen grundsätzlichen Beschluss zur Zukunft der sozialen Infrastruktur in ländlichen Räumen gefasst hatte, wurden auf dem Demografiekongress die Antworten und Ideen für die Gestaltung der Infrastruktur im demografischen Wandel diskutiert. Neben der grundlegenden Existenzsicherung durch Erwerbsarbeit und Transferleistungen sind der Zugang zu Bildung und Gesundheit, zu sozialen und kulturellen Angeboten für die Teilhabe und den Zusammenhalt der Gesellschaft und nicht zuletzt: für ein gutes Leben zentral. So schloss auch Renate Künast ihre politische Einführung mit dem Aufruf: „Gestalten wir den Wandel, bevor er uns gestaltet!“

Dr. Steffen Kröhnert vom Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung skizzierte den demografischen Wandel als größte Herausforderung für die Industrienationen. „Historisch hing das Wachstum von Wirtschaft und Wohlstand stets mit einem Mehr an Erwerbstätigen zusammen – eine enorme Herausforderung liegt nun im deutlichen Rückgang der Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter, in immer kleiner werdenden Berufseintrittsgenerationen“. Er betonte jedoch auch die Chance zur gesellschaftlichen Weiterentwicklung, da der Druck des demografischen Wandels neue politische Denk- und Herangehensweisen ermöglicht: „Alte Zöpfe aus Wachstumszeiten kommen auf den Prüfstand“.

Anschließend präsentierte Ökonomieprofessorin Adelheid Biesecker acht Thesen, in denen sie das Thema gutes Leben im demografischen Wandel mit der Wachstumsdebatte aus der Enquetekommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ verband. Der demografische Wandel lässt sich nicht ohne Bezug zur Ökonomie diskutieren. Können wir angesichts einer schrumpfenden und alternden Gesellschaft überhaupt noch am gängigen Wachstumsparadigma festhalten? Adelheid Biesecker plädierte für einen neuen Gesellschaftsvertrag für eine Transformation hin zur nachhaltigen Ökonomie, auch für einen neuen Geschlechtervertrag: „Das bestehende ökonomische System, die politische Rahmenordnung und traditionelle Rollenbilder verursachen die auf uns zurollende Welle weiblicher Altersarmut.“ Sie kritisierte insbesondere, dass die klassische Makroökonomie die lebenserhaltenden Prozesse – (meist weibliche) unbezahlte Sorge- und Care-Arbeit – ausgrenzt und ausnutzt. Der demografische Wandel sei gar nicht zu bewältigen, ohne den Ausbau und die Aufwertung der Care-Ökonomie.

In der anschließenden Podiumsdiskussion kam mit Dr. Bettina Munimus – Sprecherin der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen – eine neue Perspektive in die Runde. Sie schilderte die Unsicherheit mit der Jugendliche und junge Erwachsene bei manchen Fragen in die Zukunft schauen. Die meisten jungen Menschen glauben beispielsweise nicht daran, dass sie künftig noch durch die klassische gesetzliche Rente versorgt werden können.

Im Anschluss an die Podiumsdiskussion, an der neben den beiden InputreferentInnen und Dr. Bettina Munimus auch Tabea Rößner, die demografiepolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion teilnahm, wurden die aufgeworfenen Fragen in vier Themenworkshops vertieft.

Zum Abschluss des Kongresses sprachen Gisela Erler und Tabea Rößner über Bürgergesellschaft und demografischen Wandel. Die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung in Baden-Württemberg berichtete von ihren Erfahrungen im vor knapp zwei Jahren neu geschaffenen Amt. Bürgerschaftliches Engagement und Beteiligung sind ein wesentlicher Bestandteil einer lebendigen Zivilgesellschaft, was sich wiederum sehr positiv auf die Entwicklung von Gemeinden auswirkt. Deshalb wird bürgerschaftliches Engagement im demografischen Wandel umso wichtiger. Gisela Erler ist neben der Engagementförderung, die Schaffung einer neuen Beteiligungskultur besonders wichtig: „Mein Ziel ist es, die Mitmachdemokratie in der DNA des Landes zu verankern.“

 

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