Zu Fuß, per Rad, mit Stock

Viele von uns denken nicht darüber nach, wenn sie die Schwelle eines Ladens betreten, oder erachten es als alltäglich, wenn der Gang zur Behörde nur durch das Treppenhaus geht. Für einen Menschen, der auf den Rollstuhl angewiesen ist, sind dies aber Hürden, die ohne Hilfe nicht überwunden werden können. Um die Mainzer Innenstadt auf ihre Barrierefreiheit zu prüfen, lud die Bundestagsabgeordnete und demografiepolitische Sprecherin ihrer Bundestagsfraktion, Tabea Rößner (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN), im Rahmen ihrer Sommertour alle interessierten Bürgerinnen und Bürger ein. Gemeinsam  mit ihrem Stadtratskollegen Matthias Rösch, der städtischen Behindertenbeauftragten Marita Boos-Waidosch und dem Landesbehindertenbeauftragten Otmar Miles-Paul besichtigte sie auch Gebäude, bei denen die Barrierefreiheit bereits umgesetzt wird.

Den Anfang der Route machte das Haus der Jugend in der Mitternachtsgasse. Zum Gebäude führt ein Leitsystem, d. h. in den Boden eingelassene Platten mit Rillen und Noppen weisen Blinden und Sehbehinderten den Weg. Die Jugendeinrichtung verfügt seit dem Umbau nicht nur über einen barrierefreien Zugang und behindertengerechte Toiletten, am Eingang ist ein Übersichtsplan des Gebäudes, den blinde Menschen ertasten können. Über einen Aufzug erreichen auch Menschen die oberen Etagen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind. Aus Sicht des Laien würde man leicht sagen können, dass hier an alles gedacht wurde.  Marita Boos-Waidosch bemängelte jedoch, dass der Hintereingang nicht barrierefrei sei. Dieser würde oft genutzt, weil man die AnwohnerInnen vor Ruhestörungen bewahren wolle. Jugendliche mit einem Rollstuhl hätten jedoch gar keine Chance, die Treppen am Hintereingang alleine zu bewältigen. Zudem seien die Toiletten über einen sogeannten Euro-Schlüssel zu öffnen, der oft nicht richtig funktioniere.

Bei dem Rundgang verwiesen die Behindertenbeauftragten vor allem auf die kleinen Hürden des Alltags. Viele Geschäfte seien nur über Stufen zu erreichen. Dabei wäre es kein großer Aufwand, eine kleine Rampe zu legen. Doch viele Geschäftsführer sähen die Notwendigkeit nicht. In Frankreich dagegen sei dies fast überall selbstverständlich, die Läden hätten fast überall kleine Rampen. Auch Arztpraxen stellen Menschen mit besonderen Bedürfnissen vor spezielle Aufgaben. Nur wenige Arztpraxen in Mainz sind barrierefrei. Menschen mit Behinderungen wählten daher oft die Praxis nach der Erreichbarkeit aus. Dies widerspreche der freien Arztwahl. Auf der Tour wurde angemerkt, dass es in der Domstadt mehr barrierefreie Kneipen als Praxen gäbe. Hier gebe es dringenden Nachholbedarf.

In Rheinland-Pfalz gibt es bereits zahlreiche Zielvereinbarungen mit der Privatwirtschaft. Allerdings würden diese oft nicht eingehalten. Daher stellt sich die Frage nach einer gesetzlichen Regelung. So fehle beispielsweise im Bereich der Privatwirtschaft eine Antidiskriminierungsrichtlinie, die die Barrierefreiheit von Angeboten und Produkten festschreibe, wie es die EU vorsehe. Dies werde aber von der Bundesregierung blockiert. Ein positives Beispiel dafür, dass sich private Unternehmen dennoch der Barrierefreiheit annehmen, ist das Touristenbähnchen in Mainz. So wurde immerhin an einem Wagen eine Hebebühne angebracht, damit auch Menschen im Rollstuhl mitfahren können.

Am Höfchen liegt wohl die meistgenutzte Bushaltestelle in der Mainzer Innenstadt. Wenn Feierabend ist, tummeln sich hier viele Menschen. Da fällt es auch ohne Behinderung nicht leicht, sich zurechtzufinden. Für blinde Menschen wurde, wie an allen umgebauten Haltestellen, ein Leitsystem integriert. Die Digitalanzeigen sind mit einem Knopf ausgestattet, der die Zeitansagen der Busse durchgibt. Allerdings muss auch hier nachgebessert werden: Die beiden Komponenten sind nicht miteinander verbunden. Blinde müssen vom Leitsystem abweichen, um die Digitalanzeige überhaupt zu suchen. Zudem ist die Ansage nur schwer zu verstehen.

Wie sehbehinderte Bankkunden am Geldautomaten Geld abheben können, wurde der Gruppe am Domplatz gezeigt. Dafür gibt es in Mainz einen speziellen Service bei den örtlichen Banken. Mit einem Kopfhörer können über Ansagen auch sehbehinderte oder blinde Menschen ihre Bankgeschäfte am Automaten erledigen.

Die Gruppe war sich einig, dass bereits viel in der Stadt auf den Weg gebracht wurde. Gerade das Land Rheinland-Pfalz gilt als Musterland der Barrierefreiheit. Dennoch ist es wichtig, die Projekte regelmäßig auf den Prüfstand zu stellen. Für Tabea Rößner ist Barrierefreiheit eine zentrale Frage im Hinblick auf den demografischen Wandel und eine inklusive Gesellschaft.

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