Die richtigen Weichen für den demografischen Wandel stellen

Zur Diskussion über den Neubau von Altenheimen erklärt Tabea Rößner, rheinland-pfälzische Bundestagsabgeordnete aus Mainz und demografiepolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion:

„Große Pflegeheime graben im ländlichen Raum einer leistungsfähigen ambulanten Versorgung das Wasser ab. Im sich verschärfenden Fachkräftemangel konkurrieren sie um Arbeitskräfte. Um ambulante Dienste in der Fläche sicherzustellen, die das gesamte Spektrum bis zur 24-h-Pflege abdecken, sind die Anbieter auf genügend Nachfrage angewiesen.

Der demografische Wandel zwingt uns dazu, sämtliche Strukturmaßnahmen auf den Prüfstand zu stellen. Heute kommen auf einen Hochbetagten über 80 Jahren elf Menschen im erwerbsfähigen Alter, Mitte des Jahrhunderts wird das Verhältnis auf dem Land 1 zu 3 sein. Mit dem Bau eines großen Altenheims am Rande eines Dorfes werden Weichen für unsere Zukunft gestellt. Aber sind es die richtigen? Müssen wir nicht die Frage beantworten: Wie wollen die Menschen in Zukunft leben? Das Bedürfnis der Menschen ist, das sagen viele Untersuchungen, selbstbestimmt alt zu werden und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Die allermeisten Menschen wünschen sich daher für das Alter integrierte Hilfen ins Quartier oder Dorf, die sich an die individuelle Lebenswelt anpassen. Die Pflege muss in eine ganzheitliche Dorf- bzw. Stadtentwicklung mit eingebunden sein – unter Partizipation der Bewohnerinnen und Bewohner.

Auch die verschiedenen Entscheidungsebenen von der kommunalen über die Kreis- bis zur Landes- und Bundesebene müssen verzahnt werden. Die Kommunen nehmen eine Schlüsselrolle für das Angebot an Pflegedienstleistungen ein. Einerseits erteilen sie die Baugenehmigung für Altenheime, andererseits haben sie mit der Pflegestrukturplanung ein wichtiges Instrument für eine service-orientierte ambulante Versorgung in der Hand. Die Kommunen sollten dieses Instrument stärker nutzen und eine aktive Rolle einnehmen.

Um die Wahlmöglichkeit zwischen ambulanter und stationärer Versorgung zu sichern, muss auch die Finanzierung gleichwertig sein. Jedoch decken die Fahrtkostenpauschalen auf dem Land für ambulante Dienste nicht die Kosten. Auch das führt dazu, dass das Land nicht flächendeckend mit dem Komplettprogramm ambulanter Dienste versorgt ist.

Die Zahl der Pflegebedürftigen mit Migrationshintergrund nimmt beständig zu. Gerade sie haben ein besonders großes Bedürfnis nach ambulanter Pflege. Wir brauchen ein Konzept für kultursensible Pflege, das direkt in der Ausbildung von Pflegekräften verankert werden sollte.

Die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und eine möglichst lange Selbstständigkeit ist das Ziel grüner Pflegepolitik. Grundlage dafür ein veränderter Pflegebegriff, der psychische und körperliche Beeinträchtigungen gleichberechtigt behandelt und soziale wie finanzielle Einzelsituationen gesondert in den Blick nimmt. Seit Jahren warten Einrichtungen, Pflegekräfte und die Pflegebedürftigen mit ihren Angehörigen auf eine Reform des Pflegebedürftigkeitsbegriffs. Leider bieten die letzten Reformen des FDP-Gesundheitsministeriums keinen Grund zur Hoffnung für eine dringend notwendige Reform, die ihren Namen verdient.“

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