Medienkompetenz: Bundestagsrede zum Zwischenbericht Enquete-Kommission/Medienkompetenz – Berlin, 20.01.2012

Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren, liebe KollegInnen,

Im Gegensatz zu den Zuständen in den Projektgruppen Urheberrecht und Netzneutralität kann man die Projektgruppe Medienkompetenz geradezu als Hort der Harmonie bezeichnen. Wir haben zwar in der Sache hart diskutiert – hin und wieder warfen wir uns gegenseitig auch Wortklauberei vor -, insgesamt waren hier aber alle Beteiligten an Kompromissen interessiert. Ich hoffe, dass die aktuellen und künftigen Projektgruppen sich ein Beispiel nehmen. Denn im Endeffekt schaden die Querelen in der Enquete dem Ansehen dieses Hauses insgesamt.

Die vorangegangenen Reden haben mir gezeigt, dass alle Kolleginnen und Kollegen eine konstruktiven Fortführung und einem erfolgreichen Abschluss wollen. Ich hoffe, es bleibt nicht nur bei Lippenbekenntnissen…

Doch die teils unerfreulichen Begleitumstände der Enquete sollen uns nicht vollends von den Inhalten der Berichte ablenken. Deshalb stellen Sie sich kurz drei Szenarien vor:

Eine älterer Herr tappt bei der Suche nach einem Kochrezept im Internet in eine Abo-Falle.
Ein Teenager stellt unbedacht alberne Fotos von sich bei Facebook ein und wird zum Gespött der ganzen Schule. Ein Politiker twittert einen missverständlichen Kommentar, eine virtuelle Welle der Empörung rollt über ihn. Sein Name wird sogar Trending Topic.

Tja, werden Sie sagen, wären diese drei nur medienkompetenter gewesen…

Immer rufen alle nach Medienkompetenz, wenn es darum geht, Menschen vor Fehlern im Internet zu bewahren. [Selbst beim höchst umstrittenen Jugendmedienschutz¬staats-vertrag konnten sich alle Beteiligten auf eines verständigen: Mehr Medienkompetenz!] Wie aber genau dieses Mehr an Medienkompetenz aussehen muss, daran scheiden sich die Geister.
Medienbildung darf aber nicht der kleinste gemeinsame Nenner sein. Es ist eine Mammut-Aufgabe, vor der wir im Digitalen Wandel stehen. [Deshalb ist es gut, dass wir es in der Projektgruppe Medienkompetenz geschafft haben, uns in weiten Teilen auf EINEN Text zu einigen.]

Drei Dinge will ich herausstreichen, die mir hierbei wichtig sind:

Erstens: Dass die bereits vor drei Jahren im medienpädagogischen Manifest beklagte „Projektitis“ endlich eingedämmt wird. Bewährte Ansätze müssen wir ausweiten und verstetigen. [Wir wollen keinen blinden Aktionismus und auch nicht, dass Medienbildung zu Profilierungszwecken instrumentalisiert werden. Deshalb empfehlen wir im Bericht, dass bei Maßnahmen zunächst der Bedarf erhoben wird, dass Ziele definiert und die Ergebnisse evaluiert werden.] Außerdem fordern wir die stärkere und verpflichtende Verankerung medienpädagogischer Inhalte sowohl in den Lehrplänen der Schulen als auch in der pädagogischen Ausbildung.

Zweitens ist mir wichtig, dass die Aktivitäten im Bereich Medienpädagogik besser vernetzt werden, denn sie ziehen sich durch viele Politikfelder. Es gibt bereits zahlreiche Initiativen und Projekte. Damit nicht überall das Rad neu erfunden werden muss, damit erfolgreiche Ansätze sich verbreiten, muss es einen regen Austausch geben, und der Bund kann und sollte hier eine koordinierende Rolle übernehmen.

Drittens: Mir ist wichtig, dass wir Medienkompetenz nicht nur als Mittel zur Risikovermeidung sehen, was sie meiner Ansicht nach auch gar nicht kann. Wir können höchstens Risiken minimieren. Nein, Medienkompetenz ist viel mehr: Sie befähigt zur gesellschaftlichen Teilhabe. Im Bericht haben wir daher die Chancen der neuen Medien genauso herausgestellt, wie wir die Risiken benannt haben: Ja, man kann viele Fehler machen, wenn man sich im Internet bewegt. Man kann sich aber auch großartige neue Möglichkeiten erschließen. Für beides braucht man umfassende Medienbildung.

In den vergangenen Monaten hat uns das Thema Cybermobbing sehr stark beschäftigt. Hier stoßen wir an die Grenzen dessen, was Medienkompetenz leisten kann. Mobbing hat es zwar immer schon gegeben – auf dem Pausenhof oder am Arbeitsplatz – die Form und die Massivität haben sich jedoch durch das Internet geändert. Wir müssen Medienbildung deshalb ganzheitlich betrachten: Es geht nicht allein darum, technische Fertigkeiten zu erwerben oder die Urteilsfähigkeit zur Bewertung von Inhalten zu schärfen. Es geht vor allem um das Zusammenleben in einem neuen Raum, um das respektvolle Miteinander. Und das ist auch ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag!

Medienkompetenz lässt sich aber nicht wie Mathe oder Geschichte lernen. Frontalunterricht, graue Theorie und Abfragewissen sind fehl am Platz, um jemandem beizubringen, wie er sich sicher und effektiv im Netz bewegt. Surfen ist selten Selbstzweck. Meist ist man auf der Suche nach Informationen, man kommuniziert mit anderen und schafft selbst Inhalte. Genauso funktioniert das Medien-Lernen: durch Ausprobieren, selbst Machen, Erfahrungen sammeln.

Das betrifft nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern eben auch ältere Menschen, Eltern, Berufstätige, Soldaten und nicht zuletzt auch Politiker. [Je nach Alter, Wohnort, Beruf und Interessenslage entscheidet sich, welche Fähigkeiten und Kenntnisse eine Person medienkompetent machen.] Da kann der 16-jährige Berliner Großstadtjunge nämlich immer noch genauso was dazu lernen wie die 45-jährige Bundestagsabgeordnete aus Mainz.

Ich hoffe, dass die Enquete ebenfalls dazu lernt und wir uns für die kommenden Projektgruppen genügend Zeit nehmen und konstruktiv miteinander arbeiten, um am Ende hier auch positiv über unseren Abschlussbericht sprechen zu können.

Vielen Dank.

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