Politische Radtour 2011 entlang der Mosel

„Junge Leute, die sich bei uns im Dorf eine Wohnung oder ein Haus anschauen, fragen als erstes: Gibt es Kinderbetreuung? Gibt es einen Dorfladen? Gibt es einen schnellen Internet-Zugang?“ brachte es der Ortsbürgermeister von Minheim auf den Punkt. Die Dörfer kämpfen schon jetzt mit den Auswirkungen des demografischen Wandels. Zehn Projekte, Einrichtungen und Betriebe, die diesen Wandel aktiv und kreativ gestalten, besuchte ich während meiner viertägigen politischen Radtour von Trier nach Koblenz. Die Eindrücke der Tour zeigen die Spannungsfelder, zwischen denen der ländliche Raum steht: zwischen Heimat und Globalisierung , Luxus und Grundversorgung, Wohlfahrtsstaat und Eigeninitiative.

Nebenbei lernte ich die Landschaft und die Lebensart des Moseltals kennen. Die Gespräche mit den Menschen aus der Region machten das Leben am Fluss lebendig, welches mit dem Weinbau, römischen Zeugnissen, wiederkehrenden Hochwasserereignissen und der wunderschönen Landschaft unverwechselbar ist. Es hat mich sehr gefreut, dass viele GRÜNE aus der Region mich begleiteten, viele Geschichten erzählten, Dinge zeigten und sich fachlich einbrachten. Und auch die Sonne machte mit und zeigte uns das Moseltal von seiner schönsten Seite.

Beeindruckt haben mich Initiativen vor Ort, die mit viel Eigeninitiative und Kreativität die Lebensqualität in den Dörfern steigern. In Maring-Noviand stand über Jahre die Dorfschule leer. Ein Pflegedienst hat nun dort mit Unterstützung der Gemeinde eine Einrichtung für Tagespflege eingerichtet. Mit diesem Angebot können die Älteren in ihrem Dorf mit ihren sozialen Bezügen bleiben, und die Angehörigen werden entlastet. Gleichzeitig wird der Innenbereich sowohl funktional als auch gestalterisch aufgewertet. Auch in Külz wird das Potenzial Älterer für den Erhalt der Dorfstruktur genutzt. Der Dorfplaner Bernhard Backes hat die Initiativen aus Külz bei der Abend-Konferenz in Cochem „Gemeinsam die Zukunft unserer Dörfer und Städte gestalten“ angesprochen.  Dort schulen Jüngere  Ältere in neuen Medien, damit sie sich über das Internet austauschen und sich gegenseitig helfen können bzw. sich leichter Hilfe holen können. Für Menschen, denen diese virtuelle Wohngemeinschaft nicht mehr ausreicht, plant der Verein „Dorfgemeinschaft Külz e.V.“ eine Seniorenwohngruppe in einem Multifunktionsgebäude als Ergänzung zur häuslichen Pflege. Ehrenamtliche bieten mit einem Bürgerbus Fahrten zu Arztbesuchen oder Einkäufen an. Die Zukunft der Versorgung älterer Menschen liegt in Gruppen im Ort, die sich gegenseitig helfen und sich ehrenamtliche und professionelle Hilfe dazu nehmen.

Mit solchen Initiativen wird der politische Grundsatz „Ambulanter vor Stationärer Pflege“ vor Ort umgesetzt, der leider noch nicht überall in den Köpfen angekommen ist. Der Neubau von Alten- und  Pflegeheimen hingegen gräbt der ambulanten Pflege das Wasser ab. Pflegeheime konkurrieren als Arbeitsgeber im Fachkräftemangel  mit den ambulanten Pflegediensten um ausgebildete Pflegekräfte. Zudem können auf dem Land Pflegedienste nur mit einer ausreichenden Nachfragedichte attraktive ambulante Pflegedienstleistungen anbieten. Eine politische Steuerung ist hier dringend erforderlich.
Nach einer Kanufahrt mit Booten eines CO2-zertifizierten Kanuverleihs besuchten wir die Berufsschule Cochem, wo uns die Schulleitung zusammen mit verantwortlichen Lehrern ihr Konzept für das Berufsvorbereitungsjahr vorstellte: „Wir sind Gestalter. Wir sind Produzenten. Wir verändern was.“ Schülerinnen und Schüler legen Weinbergpfirsich-Kulturen an, erhalten eine Burganlage und keltern selbst angebaute Trauben. Sie gestalten ihre eigene Kulturlandschaft. So lernen junge  Menschen ihre Region kennen und schätzen und bleiben eher dort. Die Integrationsarbeit der Schule ist vorbildlich. Viele ehemalige BVJ-Schülerinnen und –Schüler  sind erfolgreich im Beruf. Eine ehemalige Sonderschülerin ist jetzt Winzerin.

Ein kurzer Zwischenstopp bei der Bürgerinitiative Zeller Hamm machte wieder einmal die Notwendigkeit deutlich, eine Region wirtschaftlich zu stärken, ohne aber die Kulturlandschaft zu zerstören. Die BI setzt sich gegen den Bau eines Feriendorfes auf einer Moselschleife ein. Austauschbare Konzepte – wie hier ein Jachthafen mit Ferienhäusern auf dem Reißbrett geplant – zeigen kein Gefühl für die Landschaft und sägen damit den Menschen dort den Ast ab, auf dem sie sitzen. Wenn wir neu bauen, müssen wir die Elemente in die Landschaft einpassen. Vordringlich ist es jedoch, vorhandene Strukturen mit neuem Leben zu füllen.

Als letzte Station besuchte ich den „GenerationenSchulGarten“ in Koblenz. Noch steht auf den Beeten des GenerationenSchulGartens auf dem Herlet-Gelände das Unkraut. Aber die SchülerInnen und SeniorInnen stehen in den Startlöchern, um aus dem Brachgelände mitten in der Koblenzer Innenstadt einen Ort des Miteinanders zu schaffen. Es ist ein tolles Projekt, das nicht die Hilfsbedürftigkeit, sondern die Kompetenzen der Älteren in den Mittelpunkt stellt.

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