Was mir ohne den Feminismus nicht passiert wäre …

Ich war acht Jahre alt, als mein Bruder geboren wurde. Nach fünf Mädchen ein lang ersehnter Junge. Thronfolger oder Stammhalter nannten ihn die Leute damals. Und wie das so ist, wenn in einer Familie ein Neugeborenes angekommen ist, galt ihm natürlich die gesamte Aufmerksamkeit. Das fand ich aber gar nicht schlimm. Ich liebte meinen kleinen Bruder ja auch heiß und innig. Aber was mich damals richtig empörte, war die Nachfrage des Standesamtes, wie denn nun unser Nachname richtig geschrieben werde. Denn in unserem Stammbuch hatten  fast sämtliche Namen meiner Schwestern eine unterschiedliche Schreibweise: mal mit einem „s“, mal mit zweien, mal mit „sz“ und mal mit „ß“. Und mir wurde bewusst, dass diese Frage mit der Annahme verbunden war, dass mein Bruder als einziger den Namen weitertragen würde, und man davon ausging, dass wir Töchter den Namen bei unserer Heirat selbstverständlich aufgeben würden. Damals schwor ich mir, meinen Namen zu behalten und notfalls auf eine Heirat zu verzichten, falls ich meinen Namen (ohne einen lästigen Bindestrich!) nicht behalten könnte.
Nun ist es schwierig zu sagen, ob es der Feminismus war, der mein Bewusstsein geprägt hatte, dass ich bereits als Kind die Ungerechtigkeiten zwischen Männern und Frauen so deutlich spürte. Aber die Auseinandersetzung mit dem eigenen Geschlecht – und natürlich auch dem anderen – ist mir seit dem ein ständiger Begleiter. Ich las die einschlägigen Bücher, diskutierte mit Freunden über sexistische Werbung und protestierte gegen die Äußerung eines Polizisten, der nach einer Vergewaltigung der Frau die Schuld gab („Sie hätte ja nicht so aufreizend in dieser Gegend unterwegs sein müssen“).
Für mich war völlig klar, dass ich auch als Mutter berufstätig sein wollte. Doch es mangelte an Kinderbetreuung. Außerdem fragte mich ein Arbeitgeber beim Bewerbungsgespräch, ob ich denn eine Betreuung für mein Kind hätte. Den Vater meiner Kinder hat nie jemand danach gefragt, und auch sonst keinen Mann, den ich kenne. Als ich endlich einen Krippenplatz hatte, musste ich mich nach allen Seiten rechtfertigen, warum ich denn mein Kind weggäbe. Oder ich wurde bedauert: „Tja, wenn man arbeiten muss…“ Ich habe immer wieder betont, wie wichtig mir die Arbeit sei, und dass meine Kinder ausgesprochen gut in der Krippe aufgehoben seien, möglicherweise besser als bei mir Zuhause, dort mit anderen Kindern spielen, sich wohl fühlen und sogar vieles lernen. Echte Kernerarbeit.
Während meiner Zeit als Redakteurin bei einer Kindersendung habe ich meine KollegInnen oft ganz schön genervt. Wenn eine Geschichte gezeichnet wurde, in der ein Kind zum Arzt ging, wurde es immer von der Mutter begleitet, und der Arzt war natürlich männlich. Die Verkäuferin war weiblich, Wissenschaftler, Wirtschaftsbosse und Politiker männlich. Ich habe aus so mancher Frau einen Mann, und aus vielen Männern Frauen gemacht. Auch wenn die Rollenbilder in der realen Welt oft noch so sind, muss man sie ja nicht genau so weitertragen, schon gar nicht in die Köpfe der Kinder. Und in der Realität sehe ich inzwischen sehr  viele Väter, die mit ihren Kindern zur Kinderärztin gehen.
Auch bei den GRÜNEN ist die Quote nicht überall gut gelitten. So gab es seit vielen Jahren auf kommunaler Ebene einen Spitzenkandidaten. Als ich meine Absicht verkündete, auf Platz eins zu kandidieren wolle, wurde ich – übrigens auch von Frauen – nicht ohne Häme gefragt, ob ich denn eine Quotenfrau sein wolle. Damals fand ich die Frage unverschämt. Heute stehe ich dazu: Ja, ich bin eine Quotenfrau. Und ich wäre sicher nicht Abgeordnete geworden, wenn es die Quote bei uns nicht gäbe.
Sicher war es für mich schon deutlich einfacher, meinen Weg zu gehen (ich bin inzwischen sogar neben einer Mitarbeiterin die einzige Frau im Aufsichtsrat eines Energieunternehmens!), als noch für viele Frauen vor meiner Zeit. Dennoch gibt es immer noch Vieles zu verändern. Und daher halte ich auch die Einführung einer Frauenquote für dringend geboten.
Übrigens: Meinen Namen habe ich tatsächlich beibehalten – ganz ohne Bindestrich. Da bin ich mir treu geblieben. Und auch meine Schwestern haben (bis auf eine) ihren Geburtsnamen nie aufgegeben!

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