Bericht vom Fachgespräch: Hübsch ist es auf dem Land – aber hier leben?

Der ländliche Raum ist besonders stark von der demografischen Entwicklung betroffen. Denn neben der zunehmenden Überalterung wird die Situation durch die anhaltende Abwanderung vor allem junger, gut ausgebildeter Menschen verschärft. In der Vergangenheit wurde mit dem Streben nach gleichwertigen Lebensverhältnissen und dem damit verbundenen flächendeckenden Ausbau von Infrastruktur gesellschaftliche Teilhabe unabhängig vom Wohnort des Einzelnen ermöglicht. Nun entfachen die Auswirkungen des demografischen Wandels aber eine kontroverse Diskussion um die Daseinsvorsorge in ländlichen Regionen. Gemeinden und Kommunen können Infrastruktureinrichtungen oftmals nicht mehr finanzieren. Am 3. Dezember 2010 diskutierten auf Einladung der grünen Bundestagsabgeordneten Tabea Rößner und Cornelia Behm gut 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer untern anderem über die Fragen, wie Lebensbedingungen für Kinder und Familein verbessert und Lebensqualität von älteren Menschen erhalten werden können.

Der Umgang mit den demografischen Entwicklungen wird gerne weit hinten auf die politische Tagesordnung geschoben, denn die damit verbundenen Veränderungen werden häufig als Bedrohung empfunden. Tabea Rößner stellte in ihrer Einleitung zum Fachgespräch fest, dass weder Leugnen noch Panik weiterhelfen, sondern dass sich Politik und Bürger und Bürgerinnen damit auseinandersetzen müssten, wie unter sich ändernden Bedingungen weiterhin ein funktionierendes Gemeinwesen aufrecht zu erhalten sei. Es habe nicht zwangsläufig negative Konsequenzen, wenn die Deutschen älter und weniger würden, denn die Bevölkerungszahl sage nichts aus über Wohlstand oder Lebensqualität. Sie verwies darauf, dass die grüne Fraktion sich seit mehreren Jahren intensiv mit dessen Ausgestaltung beschäftige und den demografischen Wandel als Chance begreife.

Cornelia Behm betonte, dass es zwar eine Vielzahl von Förderprogrammen und Finanzierungsinstrumenten für die Entwicklung des ländlichen Raums gebe, diese aber aufgrund mangelnder Abstimmung der verschiedenen Ansätze und eines fehlenden ressortübergreifenden Handelns zu ineffizient wären. Die Grünen setzten sich dafür ein, dass Erhalt und Entwicklung von Lebensqualität im ländlichen Raum endlich als Querschnittsaufgabe behandelt würde.

Als Resümee nach der Veranstaltung stellte Tabea Rößner fest, dass gerade in der Bildungspolitik der Blick über die Grenzen auf dünn besiedelte Länder viele gute Anregungen bringe. Schule müsse auch in Deutschland mehr als ein multifunktionales Zentrum begriffen werden, das auch als Treffpunkt der Generationen und Bildungsort im weitesten Sinne diene. Bildungsinfrastruktur sei ein wichtiger Standortfaktor und gute Angebote halten die Menschen in den ländlichen Regionen. Viele offenen Fragen ständen an: Was sind unsere Standards und auf welche sind wir bereit zu verzichten? Wie will man die richtigen Prioritäten wählen etwa zwischen Kinder- und Altenbetreuung? Um solche Fragen zu beantworten, sei eine gesamtgesellschaftliche Diskussion nötig.

Cornelia Behm zog das Fazit, dass man die Alten auf dem Dorf nicht allein lassen dürfe und dass Alte und Junge zusammen in den ländlichen Raum gehören. Deutlich geworden sei, dass die älter werdende Gesellschaft mehr brauche als frische Brötchen, nämlich soziale Infrastruktur und Räume für Begegnungen. Bei der ärztlichen Versorgung müssten neue Techniken genutzt und die Kompetenzen von Pflegepersonal ausgeweitet bzw. besser genutzt werden. Potenziell Pflegebedürftige in einer Region müssten genau ermittelt werden, um eine Versorgung zu Hause oder wohnortnah bedarfsgerecht planen zu können. Sie versprach, dass die grüne Bundestagsfraktion sich um eine bessere Verknüpfung und effizientere Ausgestaltung der Förderinstrumente kümmern würde.

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