Bürger”journalismus” und Stuttgart 21

“The revolution will be televised” titelte das Blog onlinejournlismus.de und räsoniert, dass die Dokumentation der Proteste gegen Stuttgart 21 durch Demonstranten die “nächste logische Entwicklungsstufe” sei:

“Es wird nicht mehr nur gebloggt, getwittert und nachträglich Videos hochgeladen: 2010 streamen Demonstranten live (oder quasi-live) – mit Mobil-Geräten direkt vom Geschehen […]”

Man kann die Proteste in Stuttgart sicher nicht mit beispielsweise denen in Iran gleichsetzen. Soweit mir bekannt, brauchen die filmenden Demonstranten in Baden-Württemberg jetzt keine Repressalien gegen sich und ihre Familien zu befürchten.

Dennoch gibt es eine Parallele: Es geht um „Bürgerjournalismus“ und seine Wirkung, es geht um die Deutungs- und Meinungshoheit über solche Ereignisse wie bei jener Demonstration in Stuttgart, bei der es zum Polizeieinsatz mit Wasserwerfern und Pfefferspray kam. “Journalismus” ist in diesem Zusammenhang eigentlich gar nicht der richtige Begriff, denn es handelte sich ja mehr oder weniger um eine 1:1-Dokumentation der Ereignisse, ohne Einordnung oder Hintergrundinformationen. Es wurde aus vielen verschiedenen Perspektiven gezeigt, was sich abspielte – quasi live.

So waren auch die klassischen Medien bei ihrer Berichterstattung nicht auf Aussagen einzelner Augenzeugen oder offizieller Stellen angewiesen. Sie hatten eine Fülle an Material. Dessen Sichtung und Auswertung nahm jedoch einige Zeit in Anspruch. So wurde am Abend der Demonstration zunächst auch die Version des Innenministeriums verbreitet, wonach es Steinwurf-Angriffe von Seiten der Demonstranten gegeben hätte.

Die Filme und Bilder der Ereignisse zeigen eindeutig, dass keine Gewalt von den Demonstranten ausging, die ein so hartes Eingreifen der Polizei gerechtfertigt hätte. Innenminster Rech, der im heute-journal-Interview mit Marietta Slomka am 30. September noch behauptete, die Demonstranten seien gewaltbereit gewesen, musste recht bald zurückrudern.

Im heute-journal-Interview mit Ministerpräsident Mappus am 1. Oktober (also einen Tag nach dem Rech-Interview) beruft sich Marietta Slomka explizit auf die Fotos und Videos der Protestierenden: Man hätte sich hunderte Fotos und Filme angeschaut und keinen Steinewerfer ausmachen können.

Die Dokumentationen führten schließlich dazu, dass das baden-württembergische Innenministerium seine Version vom Verlauf der Proteste nicht aufrecht erhalten konnte. Der Vorwurf, die Demonstranten hätten Steine geworfen, musste zurückgenommen werden. Die Protestierenden in Stuttgart eroberten dank der umfangreichen Film- und Fotodokumentation die Deutungshoheit in der Öffentlichkeit über die Geschehnisse zurück.

Dabei wird die kritische Prüfung der Authentizität von Bildern und Nachrichten immer wichtiger, die Jede und Jeder ins Netz posten kann. Die Quellen müssen geprüft und bewertet werden, damit nicht falsche Meldungen oder gestellte Bilder als Belege herangezogen werden. Während der Proteste in Stuttgart geisterten plötzlich Tweets durch die Timelines, dass bei dem Polizeieinsatz jemand getötet worden sei. Eine solche Falschmeldung kann fatale Folgen haben, wenn sie sich unhinterfragt in Windeseile massenhaft verbreitet. Ein besonders tragisches Beispiel ist die die Geschichte von Neda Soltani. Bei den Protesten in Teheran wurde im Juni 2009 eine junge Frau erschossen, ein Video davon ging um die Welt. Das Opfer wurde fälschlicherweise als Neda Soltani identifiziert, die Tote hieß aber Neda Agha-Soltan. Das Foto von Neda Soltanis Facebook-Account wurde über alle Kanäle verbreitet. Neda Soltani musste aus dem Iran fliehen, ihr Leben wurde zerstört. Man kann dankbar sein, dass die Nachricht vom angeblichen Todesopfer im Fall Stuttgart 21 keinerlei negativen Konsequenzen nach sich zog.

Dokumentation allein genügt letztlich nicht. Man braucht gut ausgebildete, unabhängige Journalisten, die – wie in diesem Fall beispielsweise Marietta Slomka – die Regierenden öffentlich mit den Fakten konfrontieren. Die Quellen prüfen, Belege sammeln, hinterherrecherchieren. Und die schließlich auch die Ereignisse in das Gesamtgeschehen einordnen.

Bürgerjournalismus oder auch schlicht die Möglichkeit einzelner Bürger, mit einfachen Mitteln Ereignisse live zu dokumentieren, dienen der wahrhaften Berichterstattung und stärken damit eine Säule unserer Demokratie. Dies kann professionellen Journalismus nicht ersetzen, ihn aber ergänzen und bereichern.

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