Bedarf nach alternativen Formen hoch

Verwaiste Kindergärten und Tagesstätten, sinnlos gewordene Bolzplätze – das ist keine Zukunftsvision. Das ist schon Realität. „Wir haben in den Rhein-Nahe-Gemeinden Kommunen, in denen es keine Kinder mehr gibt, keine im Kita-Alter“, berichtet Irene Alt, Kreisbeigeordnete für Jugend und Soziales im Landkreis Mainz-Bingen. Die Zahl der Menschen, die unter 20 Jahre alt sind, sinke entsprechend. Die der Menschen über 60 Jahren steige.

Damit stellt sich die Frage nach altersgerechten Wohnangeboten. Die klassische Antwort scheinen Pflege- und Altersheime zu sein. Aber: „Für viele ist das die letzte Option, wenn sonst gar nichts mehr geht“, sagt Tabea Rößner, Sprecherin für Demografie-Politik der Bundestagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Statt einer solchen stationären Lösung wäre den meisten eine ambulante lieber – also in Eigenverantwortung weiter leben, gegebenenfalls mit der Hilfe von Wohnpartnern oder Nachbarn.

Diese Angebote gibt es aber nicht als Stangenware, warnt Berit Herger. Diese Erfahrung hat sie als Mitarbeiterin der Beratungsstelle LebensWohnraum des Deutschen Roten Kreuzes Mainz-Bingen gemacht. Modelle gemeinschaftlichen Wohnens müssten von den Interessierten erarbeitet werden, müssten auf deren Bedürfnisse angepasst werden: Wie viel Lärm in der Nachbarschaft wollen sie ertragen? Wer bringt den Müll raus? Wie groß sollen die Gemeinschaftsräume sein und was dürfen sie kosten? Solche Fragen stellen sich.

Ein tragfähiges Konzept für ein gemeinsames Leben im Alter zu erarbeiten, kann sich daher zu einem langwierigen Projekt entwickeln. Das erlebt gerade Dr. Jan E. Peters. Im Wohntreff Ingelheim trifft er sich mit einer Gruppe, die später in ein gemeinsames Wohnprojekt ziehen will. Alle zwei Wochen spricht die Gruppe über die Dinge, die zu klären sind: von der Kehrwoche über die Besucherwohnung bis zur Erbfolge. Der Vorlauf sei nötig, meint Peters, dürfe aber auch nicht zu lange dauern. Und wer mit den Vorbereitungen wartet, bis er in eine akute Situation kommt, für den werde es dann zu spät sein.

Die Arbeit im Vorfeld sei mitunter anstrengend, räumt Peters ein. Aber es lohne sich: „Man arbeitet an seiner Zukunft – und das macht Spaß!“ Und lieber kläre er im Vorfeld die Probleme, als dass jemand stillschweigend Kröten schlucke, bis es soweit ist, die Gruppe zusammen lebt und derjenige dann genau diese Kröten nicht mehr ertragen kann. Für Peters bedeutet das Zusammenziehen: „Es wird eine Großfamilie gegründet.“

Noch gebe es zu wenige Angebote für alternatives Wohnen im Alter, meint Alberto Wienert vom Pflegestützpunkt Gau-Algesheim: „Da ist die Politik gefordert.“ Allerdings sei das Anbandeln dieser Wohnformen auch ein Prozess, der mehrere Jahre in Anspruch nehme. Er kenne einen Fall, in dem der Vorlauf zwölf Jahre gedauert habe. Normal sei das zwar nicht, aber fünf Jahre seien schon eine realistische Erwartung.

Die Unterstützung bei der Entwicklung alternativer Wohnformen forderte Tabea Rößner: „Wir müssen künftig verstärkt in diese Richtung denken.“ Derzeit gebe es noch viele kleinere Projekte. Es wäre schön, wenn diese wachsen und für immer mehr Menschen Perspektiven entwickeln würden.

In den Fragen des gemeinsamen Lebens gibt es eine Schnittmenge der Interessen von jungen und älteren Menschen, stellt Pia Schellhammer von der Grünen Jugend fest. So seien die Jungen ebenso auf Geschäfte angewiesen, die fußläufig oder mit dem öffentlichen Nahverkehr zu erreichen sind. Und diesen öffentlichen Nahverkehr müsse es dann auch in ausreichendem Maß geben. Zudem wirbt Schellhammer für die Aufwertung des Freiwilligen Sozialen Jahres und den Ausbau sozialer Berufe.

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